Raus aus dem Verbrenner-Aus?

 

Bereits in Juli 2023 und im Mai 2024 hatten wir im Grünen Blatt ausführlich über das geplante Verbrenner-Aus berichtet – und es ausdrücklich als wichtigen Schritt für Klimaschutz und Energiewende begrüßt. Damals wie heute gilt: Der ursprüngliche EU-Plan, ab 2035 keine Neuwagen mit reinem Verbrennungsmotor mehr zuzulassen, schafft Planungssicherheit, zwingt niemanden zum sofortigen Umstieg, setzt aber ein klares Signal für saubere Mobilität.

Ein Elektroantrieb arbeitet deutlich effizienter als ein Verbrenner und lässt sich ideal mit Strom aus Sonne und Wind koppeln, um CO₂-Emissionen zu senken. Davon profitieren insbesondere Bürgerinnen und Bürger unserer Gemeinde, die mit einer eigenen Photovoltaikanlage auf dem Dach selber Strom erzeugen und im Vergleich zum Tanken viel Geld sparen können.

Umso bedauerlicher ist es, dass die EU-Kommission nun beginnt, vom klaren Ausstiegspfad abzurücken. Statt den eingeschlagenen Kurs mutig weiterzugehen, werden Ausnahmen und Hintertüren eingeführt – just in dem Moment, in dem die Weichen für die nächsten Jahrzehnte gestellt werden müssten.

Natürlich ist die Lage der Industrie ernst: Die Transformation stellt Unternehmen, Zulieferer und Beschäftigte vor enorme Herausforderungen, Standorte geraten unter Druck, vertraute Geschäftsmodelle brechen weg. Das darf aber nicht dazu führen, dass Europa an einer veralteten Technologie festhält und damit seine eigene wirtschaftliche und ökologische Zukunft verspielt.

Wenn Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas dafür plädiert, auch nach 2035 weiter neue Verbrenner zuzulassen, sofern sie mit E‑Fuels oder Biosprit fahren, steht das im Widerspruch zum ursprünglichen Ziel, dass Neuwagen dann kein CO₂ mehr ausstoßen sollen. E‑Fuels sind teuer, ineffizient und werden in den kommenden Jahrzehnten als Alternativen gebraucht, wo es keine gibt, etwa in Luft- oder Schifffahrt. Biosprit wiederum konkurriert mit der Nahrungsmittelproduktion und trägt dazu bei, dass Lebensmittelpreise steigen.

Die Wahrheit ist: Die Autoindustrie hatte viele Jahre Zeit, sich konsequent auf Elektromobilität einzustellen – inklusive einer ernstzunehmenden europäischen Batterieproduktion. Statt die Kräfte auf eine zukunftsfähige Antriebsform zu bündeln, werden nun zwei Welten parallel finanziert: der alte Verbrenner und das Elektroauto. Das bindet Kapital, verlangsamt Innovation und spielt Herstellern aus China in die Karten, die längst voll auf E‑Mobilität setzen.

Gern wird argumentiert, am Ende entscheide „der Kunde“ – doch diese Entscheidung ist nie neutral. Wenn Politik und Hersteller signalisieren, dass Verbrenner und Plug‑in-Hybride weiterhin ausdrücklich erwünscht sind, werden sie auch gekauft. Es gilt derselbe Mechanismus wie im Straßenbau: Wer immer neue Straßen baut, bekommt mehr Autoverkehr – wer immer neue Verbrenner erlaubt, bekommt mehr fossilen Verbrauch.

Mindestens ebenso wichtig ist die geopolitische Dimension. Wer weiterhin auf den Verbrenner setzt, bleibt auf Jahrzehnte an Importe von Öl und Gas gebunden – häufig aus autokratischen Regimen, deren Einnahmen wiederum Konflikte und Unterdrückung finanzieren. Eine konsequente Elektrifizierung des Verkehrs mit heimisch erzeugtem Ökostrom stärkt dagegen die europäische Energiesouveränität und reduziert Abhängigkeiten.

Europa hat sich mit dem Pariser Klimaabkommen verpflichtet, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad, möglichst 1,5 Grad, zu begrenzen. Dieses Ziel ist nur erreichbar, wenn alle Sektoren zügig und dauerhaft ihre Emissionen senken – gerade der Verkehr, der bislang als Sorgenkind der Klimapolitik gilt.

Gerade deshalb braucht es jetzt eine mahnende, aber zuversichtliche Botschaft: Der Ausstieg aus dem Verbrenner ist keine Bedrohung, sondern eine Chance. Eine Chance auf leisere Orte, saubere Luft, stabile Energiepreise und neue, hochwertige Arbeitsplätze in einer modernen Industrie, die auf Effizienz, erneuerbare Energien und heimische Technologie setzt.

Und diese Verkehrswende entsteht nur, wenn die politischen Leitplanken klar sind und der Markt sich darauf einstellen kann.

 

Thorsten Kanwischer

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